Die Haltung von Meerschweinchen im Garten stellt Tierhalter vor Herausforderungen, die weit über das einfache Aufstellen eines Geheges hinausgehen. Diese sensiblen Nagetiere stammen ursprünglich aus den Hochebenen Südamerikas und sind als Beutetiere evolutionär darauf programmiert, stets wachsam zu sein. Ihre Anpassung an die Außenumgebung erfordert deshalb durchdachte Vorbereitungen und ein tiefes Verständnis für ihre natürlichen Verhaltensweisen.
Die schrittweise Gewöhnung an die Außenwelt
Meerschweinchen, die bisher ausschließlich in Innenhaltung lebten, erleben den Garten zunächst als überwältigendes Sinneserlebnis. Ungewohnte Geräusche wie Vogelgezwitscher, Flugzeuge oder vorbeifahrende Autos können Panik auslösen. Der Gewöhnungsprozess sollte behutsam erfolgen und beginnt mit kurzen Aufenthalten von 15 bis 20 Minuten in einem geschützten Bereich des Gartens, idealerweise während ruhiger Tageszeiten am späten Vormittag. Vermeiden Sie die Mittagshitze sowie die Dämmerung, wenn Raubtiere wie Greifvögel besonders aktiv sind.
Platzieren Sie vertraute Gegenstände wie Häuschen, Lieblingsspielzeug oder Decken mit dem gewohnten Geruch im Außengehege. Bleiben Sie während der ersten Eingewöhnungsphase stets in Sichtweite Ihrer Tiere und erhöhen Sie die Aufenthaltsdauer schrittweise um jeweils fünf bis zehn Minuten. Beobachten Sie dabei Stressanzeichen wie Erstarren, hektisches Laufen oder übermäßiges Quieken. Frische Kräuter als Belohnung helfen, positive Assoziationen mit der neuen Umgebung zu schaffen.
Gewöhnung an akustische Signale
Meerschweinchen sind durchaus lernfähige und intelligente Tiere. Sie können mit der Zeit lernen, auf bestimmte Geräusche zu reagieren, die mit positiven Erlebnissen verbunden sind. Wählen Sie ein eindeutiges Signal – beispielsweise das Rascheln einer Futtertüte, eine kleine Glocke oder ein spezifisches Zungenklicken. Wichtig ist die Konsistenz: Verwenden Sie dasselbe Signal immer in Verbindung mit einer hochgeschätzten Belohnung.
Beginnen Sie in der gewohnten Innenumgebung. Geben Sie das akustische Signal und bieten Sie unmittelbar danach eine besondere Leckerei an – etwa ein Stück Gurke, Paprika oder frische Petersilie. Wiederholen Sie diesen Vorgang regelmäßig über mehrere Wochen. Die zeitliche Abfolge zwischen Signal und Belohnung sollte möglichst kurz sein. Nach erfolgreicher Etablierung in der Innenhaltung können Sie das Signal auch im Außengehege einsetzen. Nutzen Sie es mehrmals während des Gartenaufenthalts, auch wenn keine Gefahr besteht. Dies hilft dabei, dass die Tiere das Signal mit angenehmen Situationen verbinden.
Schutz vor Raubtieren: Die unterschätzte Gefahr
Die Bedrohung durch Raubtiere wird von vielen Haltern unterschätzt. Greifvögel wie Bussarde und Habichte können selbst ausgewachsene Meerschweinchen erbeuten, während Marder, Katzen und Füchse vor allem nachts zur Gefahr werden. Selbst in städtischen Gebieten sind solche Angriffe keine Seltenheit.
Bauliche Schutzmaßnahmen
Ein sicheres Außengehege benötigt rundum geschlossene Seiten einschließlich einer festen Überdachung aus Volierendraht oder Metallgitter mit engmaschiger Struktur. Holzrahmen allein bieten keinen ausreichenden Schutz, da Marder sich durch erstaunlich kleine Öffnungen zwängen können. Das Gehege muss raubtiersicher und ausbruchsicher sein. Der Untergrabschutz sollte ausreichend tief in den Boden reichen oder als durchgehende Bodenwanne ausgeführt sein.
Schaffen Sie innerhalb des Geheges mehrere Flucht- und Versteckmöglichkeiten. Meerschweinchen fühlen sich sicherer, wenn sie verschiedene Rückzugsorte erreichen können, ohne offene Flächen überqueren zu müssen. Verwenden Sie Häuschen mit zwei Ausgängen, damit die Tiere nicht in eine Falle geraten können.

Verhaltensbasierte Schutzstrategien
Sie können Ihre Meerschweinchen daran gewöhnen, bei bestimmten Signalen in ein Schutzhaus zu flüchten. Dies erreichen Sie durch regelmäßige Übungen: Geben Sie ein Warnsignal – etwa ein lautes Wort – und locken Sie die Tiere mit Futter in das Schutzhaus. Nach mehreren Wochen konsequenter Übung reagieren viele Meerschweinchen automatisch auf das Warnsignal.
Beobachten Sie das Alarm-Verhalten Ihrer Tiere genau. Meerschweinchen kommunizieren Gefahr durch spezifische Laute und Körperhaltungen. Ein plötzliches Erstarren der gesamten Gruppe oder durchdringende Warnpfiffe sollten Sie umgehend alarmieren. Nehmen Sie solche Signale ernst und bringen Sie Ihre Tiere in Sicherheit.
Ernährungsaspekte bei der Gartenhaltung
Die Außenhaltung bietet Meerschweinchen Zugang zu frischen Gräsern und Wildkräutern, was ihrer natürlichen Ernährung als reine Vegetarier entspricht. Wildmeerschweinchen ernähren sich von Gräsern, Heu, Pflanzen und Kräutern – eine Ernährungsweise, die in der Gartenhaltung gut nachgeahmt werden kann. Allerdings birgt die Gartenhaltung auch Risiken. Viele Gartenpflanzen sind giftig – darunter Eibe, Thuja, Tollkirsche und Fingerhut. Erstellen Sie vor der ersten Auslaufzeit eine Bestandsaufnahme aller Pflanzen in Reichweite Ihrer Tiere.
Die allmähliche Umstellung auf frisches Grünfutter ist entscheidend. Meerschweinchen, die überwiegend Trockenfutter gewöhnt sind, entwickeln bei abrupter Ernährungsumstellung oft Verdauungsprobleme. Erhöhen Sie den Frischfutteranteil schrittweise über mehrere Wochen.
Achten Sie darauf, dass Ihre Meerschweinchen im Garten jederzeit Zugang zu frischem Wasser und Schattenplätzen haben. Meerschweinchen sind empfindlich gegenüber direkter Sonneneinstrahlung und Überhitzung. Schattenplätze und kühlere Bedingungen sind daher unerlässlich, um Hitzschlag zu vermeiden – ein medizinischer Notfall, der schnell lebensbedrohlich werden kann.
Die soziale Dimension der Gartenhaltung
Meerschweinchen sind hochsoziale Tiere, die in funktionierenden Gruppen mit hierarchischer Struktur leben sollten. Sie brauchen viel Gesellschaft, um glücklich zu sein, und die Vorbereitung auf den Garten funktioniert am besten mit der gesamten Gruppe, da sich die Tiere gegenseitig Sicherheit geben. Ein einzelnes Meerschweinchen im Garten zu halten ist tierschutzrechtlich bedenklich und widerspricht den Empfehlungen aller relevanten Fachorganisationen. Gerade bei Außenhaltung im Winter benötigen Meerschweinchen mindestens zwei weitere Artgenossen, um sich gegenseitig warmzuhalten.
Die Gruppendynamik beeinflusst auch das Lernverhalten. Jüngere oder ängstlichere Tiere orientieren sich an selbstbewussten Gruppenmitgliedern. Nutzen Sie diesen Effekt, indem Sie zunächst die mutigsten Tiere an neue Situationen gewöhnen – die anderen werden folgen.
Die Investition in durchdachte Vorbereitung und sichere Rahmenbedingungen zahlt sich durch entspannte, gesunde Meerschweinchen aus, die die Bereicherung ihres Lebensraums genießen können, ohne ständig in Angst zu leben. Ihre Verantwortung als Halter endet nicht beim Aufstellen eines Geheges, sondern umfasst die kontinuierliche Begleitung dieser wunderbaren Geschöpfe in ihrer erweiterten Lebenswelt.
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